Faszination Norwegische Waldkatze
Vor gut 10 Jahren war das Wort "Norwegische Waldkatze" hier in
der Schweiz noch fast ein Fremdwort. Die kleine Gruppe der Züchter konnte man
noch fast an einer Hand abzählen, etwas was sich in der Zwischenzeit komplett
geändert hat. An den Ausstellungen füllten die Norweger (wie wir sie nennen)
damals gerade mal ein paar Käfige. Aber dort, wo sie waren, blieben die Menschen
stehen und ihre Ah und Oh's nahmen kein Ende. Endlich einmal eine "richtige
Katze" war ihre Meinung. Dieser verwegene und kecke Blick, so dass es einem kalt
über den Rücken lief. Mit den dicht bebüschelten Ohren, den Luchspinseln, ideal
gemacht zum Malen. Die kräftigen und pelzigen Pfoten, das atemraubende
Fellkleid, das jede Haute-Coture verblassen lässt und dem buschigen Schwanz, so
toll wie ihn keine Manta-Antenne je hatte. Was für eine Katze! Wo kam sie denn
her???
Skandinavien
Wir lassen unsere Gedanken schweifen in das Land der tausend
Fjorde. Dorthin, wo die Zeit manchmal wie stehen geblieben zu sein scheint, an
die farbigen Häuschen, die weiten und dichten Wälder, das raue Meer, den
faszinierenden Polarlichtern, dem Land der Trolle und Sagen... Der Golfstrom,
der in der Küstennähe vorbeizieht, sorgt dort zwar für ein mildes und im Sommer
schon fast maritimes Klima. Im Landesinnern können die Sommer aber sehr heiss
und die Winter beissend kalt sein und heftige Schneestürme toben. Die Nächte
sind während der Sommerzeit sehr hell und während den Wintermonaten ist es in
der Nähe des Polarkreises fast nur Nacht.
Die Entstehung der Fjorde ist auf die Eiszeiten, von denen
Skandinavien einige erlebt hat, zurückzuführen. Durch die grosse Anzahl der
Eiszeiten wurden die Täler mehrmals verformt und bildeten tiefe Fjorde. Manche
sind so tief, dass sie die Höhe der umliegenden Berge übertreffen. Auf Grund der
Erwärmung durch den Golfstrom gedeihen hier auch Pflanzen, die normalerweise in
diesen Breitengraden nicht überleben könnten. Meisten sind es Flechten und
Moose. Die Baumgrenze liegt in Meeresnähe bei ca. 100m und im Landesinnern bei
800m. Meistens sieht man Fichten, Kiefern und Birken. Im Mittelland gedeihen
Obst und Beeren in Hülle und Fülle. Die Meerestierwelt ist vielfältig: Lachse,
Dorsche, Heringe, Schellfische und Forellen tummeln sich in den klaren Gewässer
und bieten eine willkommene Nahrungs- und Einnahmequelle.
Eine Faszination, die nicht mehr loslässt
Zurück von unserem geographischen Kurzausflug: Hier steht sie
also, die Wiege der Norsk Skogkatt, wie die Norweger sie nennen. Dort streifte
sie - und streift sie noch heute - durch das Dickicht der raunenden Wälder
Skandinaviens. Immer bedacht, den Kampf gegen die Natur zu gewinnen (heute
bieten Adventure-Unternehmungen ähnliche Trips für verweichlichte Manager an,
auf dass sie den Ernst des Lebens im knallharten Geschäftsalltag umsetzen
vermögen). Das wichtigste Kitt besteht aus einem doppelschichtigen Haarkleid:
die wärmende Unterwolle und lange, rückfettende Grannenhaare. An ihren Füssen
trägt sie langes, elegantes, dem Schnee trotzendes Pelzschuhwerk, das in keiner
Dosenbach-Filiale anzutreffen ist. Der imposante, buschige, dicht behaarte
Schweif legt sich schützend vor ihr Gesicht und wehrt gegen allzu garstige
Nordwinde und klirrende Eiskristalle erfolgreich ab.
Und über alledem steht ihr beispielloser aufgeweckter
Verstand, der - Überwachungssatelliten gleich - jede Veränderung ihrer Umgebung
mit voller Präsenz wahrnimmt und die Gefahr unverzüglich erfasst. Haben Sie
diese Katze vor Ihrem geistigen Auge? Ich schätze mich überaus glücklich, ein
ganzes Heer davon zu beherbergen, denn von der Norwegischen Waldkatze geht eine
Faszination aus, die nicht mehr loslässt. Sehr oft höre ich: Einmal Norwegische
Waldkatze - Immer Norwegische Waldkatze!
Die Wandlung der nordischen Schönheiten
Wenn ich zurückdenke, an die Norwegischen Waldkatzen, die uns
vor 10 Jahren noch begegneten, entdecke ich heute markante Veränderungen. Lange,
gerade Nasenprofile, an die man ein Bleilot anlegen konnte, waren angesagt und
lange, geschmeidige und hochbeinige Körper wollten die Richter sehen. Die darauf
folgenden Jahre zeigten als unausweichliche Folge dieser strengen Vorgaben einen
emsig veränderten Typ, der hie und da durchaus Rückschlüsse auf eine
orientalische Grossmutter zulassen konnte. Die Norwegische Waldkatze verlor in
der Folge an Masse, ihre Pelzstruktur wurde weicher, die Veranlagung zur
Rückfettung des Pelzes ging mehrheitlich verloren und die markanten,
unverkennbaren Merkmale wie Luchspinsel und die Büschel zwischen den Zehen, die
so genannten Schneeschuhe, konnte man nur noch vereinzelt sehen. Ganz eindeutig
wurde der Kopfform in den vergangenen Jahren zu viel Rechnung getragen und der
Rest der Katze im Eifer des Gefechtes ganz einfach vergessen. Aus der einstmals
nordischen, wild ausschauenden Fjordschönheit wurde mancherorts ein zahmes,
feines Püppchen aus "Tausendundeiner Nacht". 1999 wurde der Standard der
Norwegischen Waldkatze überarbeitet und man versuchte nun eine Korrektur der
Extreme. Weil, so richtig gefallen wollte der zierliche Typ wohl keinem. Er
passt vorne und nicht zu diesen massigen, wilden Fjordludern. Und so hatten
jeder Recht, der - unbeirrt von der neuen Vorgabe - ihrem "alten Typ" treu
blieben und die Kokarde Kokarde sein liessen an den Ausstellungen. Einige
züchten auch auf zwei Geleisen: den kräftigen alten Typ für die Liebhaber und
den neuen für die Showbühne.
Obwohl es schon immer leichte Unterschiede in Grösse und
Aussehen gab (das war auch sicher in den Anfängen schon so), ausschlaggebend war
und ist nach wie vor ein harmonisches Gesamtbild der Katze. Innerhalb dieser
Rasters hat sich der Züchter zu bewegen. De Rest ist wohl Geschmacksache und
prägte im Laufe des Jahres unverkennbar den eigenen Zuchttyp. Die
durchgezüchtete Linie erkennt die Fachfrau, resp. Fachmann auf den ersten Blick,
ohne den Stammbaum gesehen zu haben. Neben dem Orintal-Look sah man auf der
anderen Seite manchmal extrem grosse und schwergewichtige Norwegisch Waldkatzen,
die bereits in der Jugendklasse beachtliche Kilos auf die Waage brachten, als
gälte es, ein möglich hohes "Schlachtgewicht" auszuweisen. Ich liege sicher
nicht ganz daneben, wenn mir beim Anblick solcher stämmigen norwegischen
Wonneproppen spontan eine ähnliche Halblanghaarrasse amerikanischen Ursprung in
den Sinn kommt (wobei zu beachten ist, dass es manche Zuchten gab, die Norweger
wie Maine Coons züchteten!). Abgesehen davon, dass man am äusseren
Erscheinungsbild unnötigerweise herum experimentiert, verändert man auch die
artspezifischen Wesensmerkmale und übernimmt genetische Defekt, die in andere
Rassen womöglich vorhanden sind und denen die eigene Rasse ohne die
Fremdeinkreuzung verschont geblieben wäre!!
Der Norweger liebt es bunt
Wenden wir uns nun den Farben zu, denn da tut sich auch so
einiges! Vor x-Jahren wimmelte es von Tigern mit und ohne Weiss, die auch heute
noch zu den favorisierten Farben der Norweger-Fans gehören. Im Tiger-Look ist
diese Fjordschönheit einfach umwerfend wild. Die Farben Schwarz und
Schwarz-Weiss folgten an 2. Stelle. Mit den Roten tat man sich eine Weile lang
sehr schwer, wie ich selber auch schon erfahren konnte. Mittlerweile hat auch
die Farbe Rot ihre grosse Anhängerschaft gefunden und Schildpattkatzen, also
3-farbige sind auch in der Zucht beliebt, da sie als wahre Wundertüten gelten.
Silber ist nach wie vor die Farbe der Kennerinnen und Liebhaber, obwohl Silber
einige Ansprüche an die Züchter stellt, will man ein sauberes Silber ohne
Braunstich (Rufismus) erhalten. Zudem sind silberne Katzen langsamer in ihrer
Entwicklung und die Fellqualität fällt feiner aus. Verdünnte Farben wie Blau
(verdünntes Schwarz) oder Creme (verdünntes Rot) finden ebenfalls immer mehr
Anhänger. doch muss man wissen, dass die Norwegische Waldkatze in diesen Farben
"zahmer" wirken. Was ich immer an dieser Rasse geliebt habe, ist die Vielfalt an
Farben mit und ohne Weissanteil, was je nach Vorfahren - einen spannenden Geburt
versprach.
Das Wesen macht es schlussendlich aus
Das Beste an der Norwegischen Waldkatze hebe ich mir zum
Schluss als Dessert auf! Das Beste für mich war und ist immer noch der
sensationelle Charakter. Es ist eine Mischung zwischen Hingabe und Verweigerung.
Sie ist Wölfin und Lamm zugleich. Sie ist Klette wie auch Vagabund. Sie ist wild
wie der Sturm in der Brandung und sanft wie ein Ruhekissen. Sie ist Leidenschaft
und Forderung. Sie ist weise und voller Flausen im Kopf. Sie Jägerin und
Gejagte. Sie gurrt wie die Taube und plappert wie ein Papagei. Sie ist von
aussergewöhnlicher Beobachtungsgabe und intuitiv wie Sherlock Holmes. Sie hat
Pfeffer und ist zuckersüss. Die Bindung zu "ihrem " Menschen kann sehr tief
gehen, das macht die Verantwortung für und um sie so gross.